Im Streben nach Höchstleistungen im Sport konzentriert sich die Aufmerksamkeit oft auf ein einzelnes Hormon: Testosteron. Athleten und Trainer suchen häufig nach Wegen, um das "freie" Testosteron zu maximieren – den bioverfügbaren Anteil des Hormons, der nicht an Proteine gebunden ist und frei mit Androgenrezeptoren interagieren kann, um die Muskelproteinsynthese, die Knochendichte und die Erholung zu fördern.
Diese enge Fokussierung übersieht jedoch oft die entscheidende Rolle von Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG). SHBG, das hauptsächlich in der Leber produziert wird, ist weit mehr als ein passives Transportprotein; es ist der physiologische Hüter, der die hormonelle Umgebung des Körpers reguliert. Während viele Athleten versuchen, SHBG zu unterdrücken, um mehr freies Testosteron freizusetzen, kann dies über die natürlichen physiologischen Grenzen hinaus eine Kaskade von Stoffwechselkomplikationen auslösen.
Die Free Hormone Hypothesis und Bioverfügbarkeit
Im Blutkreislauf liegt Testosteron in drei Hauptzuständen vor:
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SHBG-gebunden (ca. 60–70 %): Testosteron ist fest an SHBG gebunden und biologisch inaktiv.
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Albumin-gebunden (ca. 30–40 %): Testosteron ist schwach an Albumin gebunden und kann relativ leicht verfügbar werden.
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Freies Testosteron (ca. 1–2 %): Der wirklich "ungebundene" und aktive Anteil.
Gemäss der Free Hormone Hypothesis bestimmt hauptsächlich die freie Fraktion die androgene Wirkung auf den Körper. Dies hat zu einem Trend in der Sportwissenschaft geführt, bei dem Athleten die SHBG-Werte genau überwachen und das untere Ende des Referenzbereichs anstreben, um sicherzustellen, dass ihr "Gesamt-Testosteron" nicht durch Bindungsproteine "verschwendet" wird.
Warum "niedriger" nicht immer "besser" ist
Während ein hoher SHBG-Wert die Leistung tatsächlich einschränken kann, indem er zu viel Testosteron bindet – was häufig bei Übertraining oder extremer Kalorienrestriktion zu beobachten ist – ist das Gegenteil ebenso schädlich. SHBG ist ein hochsensibler metabolischer Biomarker.
Wenn die SHBG-Werte unter den physiologischen Grenzwert fallen, ist dies selten ein isoliertes Ereignis. Ein niedriges SHBG wird klinisch als primärer Marker für das Metabolische Syndrom erkannt. Dieser Symptomkomplex umfasst:
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Insulinresistenz: Hohe zirkulierende Insulinspiegel unterdrücken aktiv die SHBG-Produktion in der Leber.
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Systemische Entzündung: Pro-inflammatorische Zytokine wie TNF-alpha können das SHBG-Gen herunterregulieren.
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Hepatische Steatose (Fettleber): Ein niedriges SHBG korreliert stark mit der Ansammlung von Fett in der Leber, selbst bei scheinbar "fitten" Athleten, die möglicherweise übermässig verarbeitete Zucker konsumieren oder leistungssteigernde Substanzen verwenden.
Das Paradox des Athleten: Leistung vs. Gesundheit
Für einen Athleten besteht die Ironie der Unterdrückung von SHBG darin, dass die Stoffwechselprobleme, die es signalisiert – Insulinresistenz und Entzündung – die ultimativen Feinde der Leistung sind.
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Muskelwachstum vs. Insulinsensitivität: Wenn SHBG aufgrund von Insulinresistenz niedrig ist, ist die Fähigkeit des Körpers, Nährstoffe in die Muskelzellen zu transportieren, beeinträchtigt.
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Erholung und Entzündung: Systemische Entzündungen, die durch ein niedriges SHBG signalisiert werden, verlangsamen die Gewebereparatur und erhöhen das Verletzungsrisiko.
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Der PED-Faktor: Die Verwendung von anabol-androgenen Steroiden (AAS) reduziert SHBG drastisch. Dies erhöht zwar vorübergehend den Spiegel der freien Hormone, erzeugt aber ein "metabolisches Vakuum", das zu einer raschen Verschlechterung des Lipidprofils und einer kardiovaskulären Belastung führen kann.
Aufrechterhaltung der hormonellen "Goldlöckchen-Zone"
Ein wirklich optimierter Athlet strebt nicht den niedrigstmöglichen SHBG-Wert an, sondern einen Wert, der die metabolische Flexibilität widerspiegelt.
| Faktor | Auswirkung auf SHBG | Auswirkung auf den Athleten |
| Ballaststoffreiche/Moderate Kohlenhydrat-Ernährung | Neigt dazu, sich zu erhöhen/stabilisieren | Unterstützt die Lebergesundheit und eine gleichmässige Energieversorgung. |
| Übermässige Einfachzucker | Verringert sich | Löst Insulinspitzen aus, die SHBG unterdrücken. |
| Übertraining/Geringe Energieverfügbarkeit | Erhöht sich | Signalisiert dem Körper, sich durch die Bindung von T in den "Winterschlaf" zu begeben. |
| Gesunde Körperzusammensetzung | Optimiert | Minimiert Entzündungen und erhält die SHBG-Sensitivität. |
Fazit
Das Ziel für jeden Athleten sollte Homöostase sein, nicht nur Maximierung. SHBG dient als wichtiges "Check Engine Light" für den menschlichen Körper. Wenn es sich in einem normalen physiologischen Bereich befindet, stellt es sicher, dass Testosteron gleichmässig abgegeben wird und dass die Stoffwechselmaschinerie – die Leber, die Bauchspeicheldrüse und das Gefässsystem – korrekt funktioniert. Das Streben nach freiem Testosteron auf Kosten von SHBG ist eine kurzfristige Strategie, die oft zu einem langfristigen Stoffwechselabbau führt.

